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LingServe macht's möglich

Jacke wie Hose? Nicht für uns!

Unser Blog wird 10!

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Einige Beiträge in dieser Rubrik sind in englischer Sprache.

LingServe macht's möglich! (24.06.2022)

Bestimmte Begriffe, für die es eine relativ naheliegende Übersetzung gibt, tauchen in unseren Ausgangstexten auf wie Sand am Meer. Soweit, so gut. Unser Anspruch ist es dabei aber, nicht die naheliegendste, sondern stets die für den jeweiligen Kontext passendste Übersetzung zu wählen. Ein Wort, dass uns fortlaufend unterkommt, ist „ermöglichen". Die naheliegende Übersetzung ist hier „enable" oder, ganz wörtlich, „to make possible". Dem Verfasser dieses Blogs erschien es, dass „ermöglichen" in deutschen Texten außergewöhnlich oft verwendet wird. Daraufhin wies eine deutsche Kollegin darauf hin, dass die häufige Verwendung von „ermöglichen" im Deutschen durchaus damit zusammenhängen könnte, dass die deutsche Sprache heutzutage stark vom Englischen beeinflusst ist und das Wort „enable" im Englischen sehr oft verwendet werde. Es handelt sich also um einen klassischen Fall von: Was kam zuerst, Huhn oder Ei? Fest steht aber, dass wir regelmäßig Übersetzungen für „ermöglichen" finden müssen und daher mittlerweile ein recht umfangreiches (wenn auch keineswegs abschließendes) Repertoire an hilfreichen Formulierungen angesammelt haben. Hier einige (anonymisierte) Beispiele aus unserem Arbeitsalltag:

Risikomanagement-System Algorithmics ermöglicht umfassende Analyse
Algorithmics risk management system facilitates comprehensive analysis

Beginnen wir mit „facilitate" - einem engen Verwandten von „enable" mit lateinischem Ursprung. Dieses Verb ist ein nützlicher Allrounder, sollte aber nicht mit zu vielen anderen vielsilbigen Wörtern kombiniert werden, um einen schwerfälligen Stil zu vermeiden.

Die Wahl eines niedrigeren Risikoniveaus ermöglicht ein chancenorientiertes Management des Portfolios.
Choosing a lower risk level is an effective way to manage your portfolio in an opportunity-oriented manner.

Dieses Beispiel veranschaulicht, dass es oft hilft, sich nicht an die gleiche Wortart und Syntax zu klammern, die im Ausgangstext verwendet wird. Hier wurde zum Beispiel statt des Verbs „ermöglicht" eine Verb-Adjektiv-Substantiv-Kombination gewählt, die an Stelle der deutschen Nominalphrase („ein chancenorientiertes Management") einen Nebensatz („to manage your portfolio in an opportunity-oriented manner") einleitet.

Dieser Ansatz ermöglicht robustere Portfolios.
This approach produces more robust portfolios.

In diesem Beispiel hat der Übersetzer statt „ermöglichen", einem eher passiven Verb, ein aktiveres, dynamischeres Verb verwendet.

Bei uns ist ein System etabliert, welches die Meldung von Verdachtsfällen ermöglicht.
We have put in place a system that provides a mechanism for reporting suspicions.

In unseren Augen ist „mechanism" - vor allem im übertragenen Sinne - ein enorm vielseitiger Begriff und in diesem Beispiel eine deutlich bessere Lösung als „enable".

Durch die frühzeitige Einbindung soll es der Abteilung ermöglicht werden, angemessene Kontrollen durchzuführen.
Involving the department at an early stage means that appropriate controls can be conducted.

Verben wie „mean" und „make" sind nützliche kleine Helfer, mit denen sich oft eine idiomatisch gut klingende Übersetzung erzielen lässt. Das Substantiv „means" ist etymologisch und semantisch zwar nicht mit dem gleichlautenden Verb verwandt, ist aber ebenfalls eine bewährte Übersetzungsoption, zum Beispiel als alternative zu „way". Ein Blick zurück auf unseren zweiten Beispielsatz zeigt, dass man hier statt „effective way" ohne Weiteres auch „effective means" verwenden könnte.

Dadurch wird eine detaillierte Überprüfung der Kontrollen in der Zukunft ermöglicht.
This will make it possible to carry out a thorough review of these controls in the future.

Gelegentlich kann, wie im vorstehenden Fall, die wörtliche Übersetzung durchaus auch eine gute Lösung sein.

Die Analyse der Daten ermöglicht es, ein umfassendes Bild über den Umfang des Problems zu gewinnen.
The analysis of the data provides a comprehensive picture of the extent of the problem.

Wie im obigen Beispiel mit „produce" wurde hier ebenfalls ein etwas aktiveres Verb gewählt. Man kann sich hier mehr oder weniger vorstellen, dass der Übersetzer sich zunächst die Substantive des Satzes in der Zielsprache zurechtlegt und dann am Ende das Verb ergänzt, dass im Kontext am besten passt.

Dies ermöglicht es den Fondsmanagern, überdurchschnittliche Renditen zu erzielen.
As a result, the fund managers are able to generate superior returns.

Von „enable" zu „Einleitungsphrase + be able to" ist es natürlich kein großer Gedankensprung. Aber es ist keine schlechte Idee, diese Option im Hinterkopf zu behalten.

Die Initiative ermöglicht älteren Mitarbeitern einen gleitenden Übergang in den Ruhestand.
The scheme offers older employees a phased transition into retirement.

Die Verwendung von „offers" hier ähnelt den vorstehenden Beispielen mit „provides" und „produces" dahingehend, dass es aktiver ist als „ermöglichen". Besonders nützlich ist „offer", wie in diesem Fall, wenn es um die Beschreibung von Vorzügen eines Produkts oder einer Leistung geht. Und das ist in Marketing-Materialien, die einen guten Teil unserer Arbeit ausmachen, keine Seltenheit.

Offenheit für Neues hat es mir ermöglicht, bei Mustermann GmbH meine Potenziale zu entfalten.
An openness to new things has allowed me to fulfil my potential at Mustermann GmbH.

„Allow" und „enable" sind in dieser Sinnrichtung mehr oder weniger synonym verwendbar. In diesem Satz klingt „allowed" jedoch ein klein wenig eleganter - nicht zuletzt, weil es eine Silbe kürzer ist.

Die Zurückdrängung des COVID-Virus durch Social-Distancing ermöglicht Lockerungen bei den Gegenmaßnahmen.
The supression of the COVID-19 virus thanks to social distancing is creating scope to ease containment measures.

In diesem Beispielsatz haben wir eine weitere Übersetzungsmöglichkeit der kreativeren Art verwendet.

Die hohe Profitabilität wirkt damit auch dem Druck auf die Bewertungsniveaus entgegen und ermöglicht weitere Kursanstiege.
This strong profitability is thus easing the pressure on valuation levels and paving the way for further price rises.

Wir LingServer lieben eine gute Redewendung und „pave the way" bewährt sich in der Unternehmenskommunikation, die naturgemäß oft zukunftsorientiert ist, immer wieder.

Die TouristCard ermöglicht die Entdeckung verschiedener Urlaubsregionen im Schwabenland.
The TouristCard lets you explore a variety of holiday regions in Swabia.

„Ermöglicht" ist eine recht unpersönliche Formulierung. Die Verwendung von „lets you" in diesem Beispiel, das aus einem an Kunden gerichteten Text stammt, spricht den Leser hingegen direkt an.

Sämtliche möglichen Übersetzungen aufzulisten, ist schier unmöglich. Tatsächlich sind wir in unserer Zusammenstellung hier nicht einmal auf Optionen wie „help to" oder „support" eingegangen, die sich ebenfalls oft in diesem Zusammenhang verwenden lassen. Aber wir hoffen dennoch, dass unsere in der Branche tätigen Leser diesen kleinen Exkurs als Inspirationsquelle und/oder Gedächtnisstütze nützlich finden werden.

Jacke wie Hose? Nicht für uns! (31.05.2022)

Diesen Monat gehen wir unseren Blog mal etwas anders an. Kürzlich wendete sich eine Kollegin mit einer Frage zu einem bestimmten Satz in einer Übersetzung an den Autor dieses Blogs. Die Unterhaltung, die sich daraus entwickelte, möchten wir im Rahmen dieses Beitrags teilen. Einerseits, um zu veranschaulichen, wie gründlich wir unsere Übersetzungen durchdenken und hinterfragen, um sicherzugehen, dass wir den Ausgangstext auf die bestmögliche Weise wiedergeben. Und zum anderen, um zu zeigen, dass wir selbst nach einer langwierigen Debatte manchmal doch bei unserem ursprünglichen Bauchgefühl bleiben. Tatsächlich kommt das überraschend oft vor. Aber es ist stets beruhigend, zu wissen, dass wir mögliche Alternativen gründlich ausgelotet haben!
Der deutsche Satz, der die betreffende Debatte auslöste, lautete:

„Das Rad ist Fortbewegungsmittel Nummer 1. Ob im Anzug oder Jeanshose - in Oldenburg radelt jeder.“

Anstoßpunkt war dabei die Formulierung „Ob im Anzug oder Jeanshose“. Nachstehend ein Transkript unseres Skype-Chats. Im Sinne der Leserfreundlichkeit haben wir die ursprünglich in verkürztem Chat-Stil verfassten Sätze für diesen Blog ausformuliert.

LingServe-Kollegin:

Hi! Ich überlege, diesen Satz wie folgt abzuändern. Was meinst du?
„The bicycle is the no. 1 mode of transport in Oldenburg, whether you’re in jeans or a suit.“
>
„The bicycle is the no. 1 mode of transport in Oldenburg, whether you’re in jeans or suited and booted.“

Blog-Autor:

Gute Idee! Obwohl – könnte das vielleicht als etwas sexistisch aufgefasst werden? Ich weiß nicht, ob man eine Frau auch als „suited and booted“ bezeichnen könnte?

LingServe-Kollegin:

Ich denke schon. Es gibt schließlich sowohl Anzüge als auch Stiefel für Frauen!

Blog-Autor:

Hmmm ... wenn du zu der Phrase eine Google-Bildersuche durchführst, findest du aber fast ausschließlich Bilder von Männern. [Anmerkung der Redaktion: Die Google-Bildersuche ist ein Instrument, das wir gerne verwenden, um herauszufinden, was mit einem bestimmten Begriff allgemein assoziiert wird.]

LingServe-Kollegin:

Ja, das stimmt schon. Aber wenn du „suit“ in die Bildersuche eingibst, wirst du generell nur wenige Bilder finden, die Frauen in Anzügen zeigen. Das heißt aber nicht, dass es solche Kleidungsstücke nicht gibt, oder dass man sie nicht als „suit“ bezeichnet.

Blog-Autor:

Da hast du wohl recht. Aber ich denke trotzdem, dass „suit“ alleine geschlechtsneutraler ist als der Ausdruck „suited and booted“. Würde eine Frau nicht eher High Heels zu einem Anzug tragen? Und würde so ein Anzug nicht eher aus Jacke und Rock bestehen? Unter einem Rock würde man doch wahrscheinlich keine Stiefel tragen, oder? [An dieser Stelle muss wohl kaum noch darauf hingewiesen werden, dass der Blog-Autor männlich ist...]

LingServe-Kollegin:

Hm, also ich würde so einen Stiefel absolut als bürotauglich bezeichnen:

Blog-Autor:

Hah, OK. Ich gebe mich geschlagen und überlasse dir in diesem Fall die Entscheidung!

LingServe-Kollegin:

Fändest du eine Formulierung wie „dressed to impress“ besser und geschlechtsneutraler?

Blog-Autor:

Mir war gerade noch „whether in a suit or sweats“ in den Sinn gekommen. „Dress to impress“ klingt eher nach Abendgarderobe als nach Bürokleidung. Und selbst die Deutschen würden zu einer glamourösen Abendveranstaltung vermutlich nicht mit dem Fahrrad fahren, sondern ein Taxi nehmen!?

LingServe-Kollegin:

Hmmm ... ich bin nicht sicher, ob internationale Leser, deren Muttersprache nicht Englisch ist, „sweats“ definitiv verstehen würden. Ich glaube, ich bleibe doch bei der ursprünglichen Formulierung. Mir gefiel einfach der Ausdruck „suited and booted“, aber wir müssen es nicht erzwingen. Und jede Frau, die sich in echten High Heels aufs Fahrrad setzt, würde ich auf der Stelle für lebensmüde erklären!

Blog-Autor:

LOL*, wohl wahr! Aber viele bringen ein Paar Schuhe zum Wechseln in der Tasche mit zur Arbeit, oder?

LingServe Kollegin:

Genau. Oder wir halten ein Paar „Büroschuhe“ in der untersten Schreibtischschublade parat :D

Blog-Autor:

Ich glaube, ich speichere diesen Gesprächsverlauf einfach mal ab, als Beispiel dafür, wie sorgfältig wir über unsere Übersetzungen nachdenken! [Und das habe ich dann auch getan!]

Natürlich diskutieren wir nicht jedes einzelne Wort in solch epischer Breite. Dann würden wir ja nie mit der Arbeit fertig. Aber die Möglichkeit, sich in einem Messenger mit Kollegen auszutauschen, hat sich – vor allem während der Arbeit von zu Hause in Zeiten von Corona – als enorm wertvoll erwiesen. Oft können wir so Denkblockaden durch gemeinsames Brainstorming lösen, andere Meinungen einholen und Mehrheitsentscheidungen treffen. Es ist überraschend, wie oft die Person, die ursprünglich die Frage gestellt hat, am Ende selbst die beste Antwort liefert. Denn häufig trägt es schon enorm zur Klärung der Frage bei, seine Gedanken und Bedenken für andere nachvollziehbar niederzuschreiben.

*LOL – Ich habe schon lange vorgehabt, hierauf in einem Blog einzugehen. Vielleicht geht es anderen auch so, aber ich habe festgestellt, dass in Momenten, in denen ich während einer virtuellen Unterhaltung wirklich laut lachen muss, ich meistens finde, dass „LOL“ (kurz für „laugh out loud“) dies niedergeschrieben nicht angemessen widerspiegelt. Daher schreibe ich neuerdings stattdessen „Da habe ich jetzt wirklich laut aufgelacht“, um auszudrücken, dass ich tatsächlich gelacht habe und nicht bloß „innerlich amüsiert“ war. Schon verrückt, wie sich unsere Sprache wandelt.

Unser Blog wird 10! (03.05.2022)

Diesen Monat feiert der LingServe-Blog sein zehnjähriges Bestehen. Ohne einen einzigen Abonnenten oder auch nur eine vage Vorstellung, wie lange wir diesen Blog fortführen würden, veröffentlichten wir im April 2011 unseren ersten Beitrag, in dem es darum ging, dass Wörterbücher mit Vorsicht zu genießen sind. Seit diesem ersten kurzen Blogartikel haben wir den thematischen Rahmen auf Anekdoten aus dem Betriebsalltag, Stellungnahmen zu aktuellen Ereignissen* und hilfreiche Übersetzungstipps ausgeweitet. Letztere haben im Laufe der Zeit auch immer wieder ihren Nutzen als fertig ausformulierte Antworten auf häufig gestellte Fragen von Kunden bewiesen. Unseren Praktikanten und neuen Teammitgliedern raten wir ebenfalls dazu, in unserem Blog zu stöbern, um sich Tipps und Tricks anzueignen und ein besseres Verständnis unserer Arbeitsweise zu gewinnen.

Die - manchmal handfesten, manchmal etwas weiter hergeholten - Parallelen zur Welt der Deutsch-Englisch-Übersetzung, die wir in unserem Blog in der Vergangenheit gezogen haben, reichen von Aufräumtipps à la Marie Kondo und den Oblique Strategies von Brian Eno bis hin zu Detailanalysen der Übersetzungstücken scheinbar unverfänglicher deutscher Begriffe. Weitere Highlights umfassen eine Ode an unseren Wortspielwahn und unsere Version eines absoluten Blog-Klassikers - der Myth-Buster-Liste! Bei der Durchsicht unseres Blogarchivs werden viele Erinnerungen wach.

Durch das Festhalten unserer eigenen Überlegungen und Gedankengänge in dieser Form ist eine Art Arbeitstagebuch entstanden. Und wir sind stolz, dass wir bereits so lange durchgehalten haben. Unser Ziel war es ursprünglich, einmal im Monat einen Beitrag zu veröffentlichen. So ganz haben wir das zwar nicht umsetzen können, aber in den 120 Monaten, die seit der Geburtsstunde dieses Blogs vergangen sind, haben wir es doch zumindest auf rund 80 Artikel gebracht. Manchmal fehlte in hektischen Phasen oder aufgrund von Abwesenheiten einfach die Zeit bzw. Kapazität. In anderen Fällen blieb schlicht und ergreifend die zündende Idee aus. Ein leeres Dokument oder Blatt Papier und nur ein rudimentärer Aufhänger stellen uns vor eine ganz andere Herausforderung als eine knifflige Übersetzung. Wir können bestätigen: Das Phänomen der Schreibblockade ist definitiv kein Hirngespinst!

Ein großer Vorteil des Bloggens ist aus unserer Sicht, dass wir dabei unsere Fähigkeiten im kreativen Schreiben, Editieren und, nicht zuletzt, im Übersetzen trainieren. Seit Jana im Jahr 2017 zu unserem Team gestoßen ist, haben wir es geschafft, deutlich mehr Blogartikel auch auf Deutsch zu veröffentlichen. Sie hat sich mit Kreativität und der Gegenperspektive einer deutschen Muttersprachlerin in das Projekt Blog eingebracht, mit dem Ergebnis, dass die deutsche Fassung - wenn wir denn Zeit haben, eine anzufertigen - am Ende gelegentlich dem englischen Original den Rang abläuft, oder zumindest Anregungen für ein paar Änderungen im Originaltext liefert!

Über die Jahre haben wir einen kleinen aber feinen Kreis an Abonnenten gewonnen, der uns die notwendige Motivation gibt, auch weiterhin unsere Gedanken und Arbeitsmethoden zu dokumentieren, aktuelle interne und externe Ereignisse zu kommentieren oder über linguistische Feinheiten zu philosophieren. All unseren Abonnenten vielen Dank für euer Feedback, Lob und jedes ermutigende Wort, aber vor allem dafür, dass ihr euch treu die Zeit nehmt, diesen Blog zu lesen!

*Ganz im Stil von Boris Johnson, der bekanntlich zwei Zeitungskolumnen zum Thema EU-Mitgliedschaft verfasste - eine Pro-Leave und die andere Pro-Remain (wobei letztere nur auf Umwegen ans Licht der Öffentlichkeit kam), hatten wir am Tag des Brexit-Referendums sogar zwei alternative Fassungen für unseren Blogartikel zum Ausgang der Abstimmung parat.

Space Oddity (31.03.2022)

Die Arbeit mit Sprachen ist unser tägliches Brot. Und wie wir bereits in anderen Blogs gelegentlich erwähnt haben, ist es selbst in der Freizeit oft schwierig, komplett abzuschalten. Bewusst oder unterbewusst analysieren wir zumindest in unserer Muttersprache jeden Satz, den wir lesen oder hören, und registrieren selbst subtile Veränderungen im Sprachgebrauch. Letztlich ist das ein nützlicher Reflex, denn wir arbeiten viel mit Texten, die einen journalistischen Stil verwenden. Um diesen Stil in der Übersetzung authentisch wiedergeben zu können, ist es wichtig, sprachlich am Puls der Zeit zu bleiben. Unsere Beobachtungen diskutieren wir gerne mit Kollegen im Büro. So finden wir heraus, ob gewisse Veränderungen auch anderen aufgefallen sind. Und selbst wenn wir mit unserer Entdeckung erstmal alleine dastehen, sensibilisieren wir einander durch unsere Gespräche für beobachtete Phänomene, sodass sie danach vielleicht auch anderen auffallen. Solche Diskussionen ufern nicht selten in Fachsimpelei aus. Und nur wenn gelegentlich ein Nicht-Linguist mit anhört, wie wir die Feinheiten des aktuellen Sprachgebrauchs sezieren, und verständnislos den Kopf schüttelt, wird uns bewusst, wie pedantisch wir Außenstehenden gegenüber erscheinen müssen. Wir können uns zum Beispiel noch an einen Fall vor vielen Jahren erinnern, als wir einen Techniker unseres IT-Dienstleisters dazu befragten, ob das Wort „Internet" seiner Ansicht nach im Englischen groß oder klein geschrieben werden sollte. Er hatte dazu, wenig überraschend, keine wirkliche Meinung und auch keinerlei Verständnis dafür, warum diese Frage auch nur ansatzweise wichtig sein könnte. Und das ist auch in Ordnung. Ein scharfes - gelegentlich pedantisches - Auge für kleine Veränderungen und Verschiebungen im Sprachgebrauch ist für Übersetzer ein wichtiges Attribut, für IT-Profis aber durchaus verzichtbar.

Oft spielen wir mit dem Gedanken, gewisse sprachliche Trends und Marotten, die uns im Alltag in Gesprächen abseits der Arbeit, im Radio, im Fernsehen oder im Internet auffallen, in einem Blogartikel zu verarbeiten. Meistens entscheiden wir uns am Ende jedoch dagegen. Das liegt daran, dass wir uns tendenziell ungern in eine (öffentliche) Debatte stürzen, wenn wir weder über empirisches Beweismaterial für unsere Thesen verfügen, noch Zeit - oder, ehrlich gesagt, Lust - haben, entsprechendes Material zu sammeln. Manchmal sind die Veränderungen, die wir beobachten, auch einfach schwer in Worte zu fassen. In diesem Blogbeitrag möchten wir jedoch eine Ausnahme machen und uns aus dem Fenster lehnen. Unsere Beobachtung ist in diesem Fall, dass das Wort „space" im Englischen zunehmend häufiger im Sinne eines abstrakten Raums, Ortes oder Feldes verwendet wird. Das klingt zunächst mal ziemlich schwammig, daher hier einige Beispiele zur Veranschaulichung:

„... here are lessons we could learn from analyzing 10 years in that space, including how startups have covered / performed alongside the value chain ..."

„... and operates sensitively once again in the space between 21st-century ethnographer and enlightened genre director."

„I think there are some new moves afoot in that space, and it's something I know that [the Foreign, Commonwealth and Development Office] are looking ..."

„The possibilities for partnerships and advertising in that space are limitless."

„COVID and lockdown have increased the focus on digital banking, remote payments, digital payments and so on. Companies that had good solutions in that space have done really well." 

Wir wollen an dieser Stelle keineswegs behaupten, dass „space" in der Vergangenheit nie im übertragenen Sinne verwendet wurde. Aber wir haben doch den Eindruck, dass „space" zunehmend häufiger und vielseitiger als abstraktes Konzept verwendet wird. So nimmt „space" mitunter nun auch den Platz des etwas handfesteren Begriffs „place" in etwas abgedroschenen Klischee-Phrasen wie „I'm in a bad space right now" oder „We're in a good space in our relationship" ein. Das Bestreben, Klischees zu vermeiden und originell und lebendig zu bleiben, ist eine der wichtigsten Triebkräfte des Wandels von Sprachgewohnheiten. Immer wieder die gleichen Phrasen zu hören wird auf Dauer langweilig. Wenn man also eine Botschaft durch kleine Veränderungen sprachlich ein bisschen auffrischen kann, ohne dabei die Verständlichkeit zu beeinträchtigen, ist das keine schlechte Sache. Unser Job ist die Erstellung erstklassiger Übersetzungen. Das bedeutet für uns, Zieltexte zu erstellen, die nicht wie eine Übersetzung klingen und aktuelle Sprachgewohnheiten auf natürliche Weise widerspiegeln, soweit dies stilistisch passend ist.

Ein Hoch auf Lexico (25.02.2022)

Vor vielen Jahren haben wir einen Blogbeitrag mit dem Titel „Ein Königreich für einen Duden" veröffentlicht - ein Plädoyer für ein verbindliches, einheitliches Wörterbuch und grammatikalisches Standardwerk für die englische Sprache. Natürlich gab es zu diesem Zeitpunkt zuverlässige Nachschlagewerke wie den Collins und das Oxford English Dictionary sowie Merriam-Webster für amerikanisches Englisch. Keines dieser Werke genoss bzw. genießt jedoch einen ähnlich konkurrenzlosen Status wie der Duden in Deutschland. Einige Zeit nachdem wir diesen Artikel veröffentlicht hatten, stellte die Oxford University Press eine neue Website für das Oxford English Dictionary bereit, aus der Jahre später das Portal Lexico hervorging. Anfangs wunderten wir uns über die Entscheidung, einen in der Welt der Fachliteratur und Wörterbücher so hoch angesehenen Namen durch eine völlig neue und unbekannte Marke zu ersetzen, so einprägsam diese auch sein mag. Bei genauerem Hinsehen stellte sich allerdings heraus, dass dies vermutlich daran lag, dass das neue Portal ein Kollaborationsprojekt der Oxford University Press mit dictionary.com ist. Vor diesem Hintergrund macht ein neutraler Name natürlich Sinn. Inzwischen greifen wir auf den praktischen Service von Lexico so oft und schon so lange zu, dass der „neue" Name selbst bereits zu einer Institution geworden ist.

In etwa zum Zeitpunkt der Namensänderung des Portals beschlossen wir intern, diese Quelle als maßgebliches Nachschlagewerk bei orthografischen Zweifeln und Unklarheiten zu verwenden. Und damit meinen wir nicht in erster Linie die Vermeidung von Rechtschreibfehlern. Wir wollen hier nicht großspurig klingen, aber in puncto Rechtschreibung sind wir ziemlich fit - bei unserem Berufsbild sollte man das ja wohl erwarten dürfen. Lexico entfaltet für uns seinen wahren Nutzen zum Beispiel, wenn es darum geht, zu entscheiden, ob Komposita mit oder ohne Bindestrich geschrieben werden sollten. Sollte es „handmade" oder „hand-made" heißen? Und „lowdown" oder „low-down"? Bis dato hatten wir eine ganze Reihe verschiedener Quellen genutzt, um solche Entscheidungen zu treffen, was unweigerlich seine eigenen Probleme mit sich brachte. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, dass sich Stilvorlieben und bevorzugte Nachschlagewerke von Übersetzer zu Übersetzer unterscheiden. Aber wenn man darum bemüht ist, innerhalb einer Firma einen konsistenten Stil zu wahren, ist doch etwas mehr Abstimmung erforderlich.

Natürlich gibt es auch bei Lexico gelegentlich Fälle, in denen wir mit Einträgen nicht einverstanden sind. „Well-being" statt „wellbeing" ist, zum Beispiel, ein solcher Fall. Insgesamt hat sich die Einigung auf diese Ressource für schnelle Checks jedoch als „Gamechanger" bei der Zusammenarbeit in unserem Team erwiesen. [Und wie es passender nicht hätte kommen können, wies mich die Kollegin, die unseren Blog ins Deutsche übersetzt, prompt daraufhin, dass laut Lexico der Begriff „game changer" nicht, wie in meiner ursprünglichen Fassung, als ein Wort geschrieben wird, sondern als zwei! Selbstverständlich hatte ich diesen Fehler absichtlich eingebaut, um sie zu testen ...] Wenn wir einen Wunsch an Lexico richten könnten, würden wir uns freuen, wenn in den Worteinträgen auch Informationen zur Silbentrennung bereitgestellt würden. Hierfür greifen wir derzeit auf die Vorschläge von www.thefreedictionary.com zurück. Ein zusätzlicher positiver Nebeneffekt unserer Verwendung von Lexico ist, dass unser Styleguide sich deutlich verschlankt hat und sich nun vornehmlich auf unsere Grammatik- und Stilpräferenzen und gewisse Besonderheiten bei der Übersetzung zwischen Deutsch und Englisch konzentriert.

An dieser Stelle von unserer Seite also: Danke, Lexico! Es ist enorm hilfreich für uns, unseren Kunden gegenüber auf eine zentrale, maßgebliche (und digital verfügbare) Quelle verweisen zu können. Wenn ein Kunde jedoch eine bestimmte Präferenz hinsichtlich der Schreibweise oder Silbentrennung eines Wortes hat, oder einen Begriff verwenden möchte, der für einen speziellen Zweck neu geschöpft wurde, nehmen wir diese Wünsche natürlich gerne auf und dokumentieren sie entsprechend in unseren kundenspezifischen internen Stilvorgaben.